IT-Lexikon
Cybersecurity

Active Directory Tiering-Modell

Sicherheitsarchitektur, die Active Directory in drei strikt getrennte Verwaltungsebenen (Tier 0, 1, 2) aufteilt, um laterale Bewegung von Angreifern zu verhindern.

Das Tiering-Modell ist das wichtigste Architekturprinzip zur Absicherung von Active Directory. Es teilt die IT-Umgebung in drei strikt getrennte Verwaltungsebenen — Tier 0 (Identitätssteuerung), Tier 1 (Server und Anwendungen) und Tier 2 (Endgeräte und Nutzer). Die zentrale Regel: Credentials einer höheren Ebene dürfen niemals auf einer niedrigeren Ebene verwendet werden. Damit unterbricht das Modell den häufigsten Angriffspfad, bei dem sich Angreifer über kompromittierte Endgeräte bis zur vollständigen Domänenübernahme vorarbeiten.

Die drei Tiers im Detail

Tier Bezeichnung Enthaltene Systeme Beispiel-Konten
Tier 0 Identitätssteuerung Domain Controller, AD-Adminkonten, PKI/Zertifizierungsstellen, Azure AD Connect, ADFS Domain Admins, Enterprise Admins, Schema Admins
Tier 1 Server & Anwendungen Dateiserver, SQL-Server, Exchange, ERP-Systeme, Backup-Server Server-Admins, Datenbank-Admins, Anwendungsadmins
Tier 2 Endgeräte Arbeitsplatzrechner, Laptops, mobile Geräte, Drucker Helpdesk-Admins, lokale Administratoren (LAPS-verwaltet)

Die Zuordnung ist nicht immer eindeutig. Ein Backup-Server, der Domain-Controller-Backups speichert, enthält faktisch Tier-0-Daten und muss entsprechend geschützt werden. Azure AD Connect synchronisiert Identitäten in die Cloud und ist damit ebenfalls ein Tier-0-System — obwohl es technisch auf einem Server installiert ist.

Die goldene Regel: Kein Credential-Fluss nach unten

Der Kern des Modells ist eine einfache, aber strikt durchzusetzende Regel: Tier-0-Konten melden sich ausschließlich an Tier-0-Systemen an, Tier-1-Konten ausschließlich an Tier-1-Systemen, und Tier-2-Konten an Tier-2-Systemen. Umgekehrt formuliert: Ein Domain-Admin darf sich niemals an einem Arbeitsplatzrechner anmelden, und ein Server-Admin darf seine Tier-1-Credentials nicht auf einem Endgerät verwenden.

Wird diese Regel verletzt, hinterlässt das Konto Credential-Material (NTLM-Hashes, Kerberos-Tickets) auf dem System niedrigerer Ebene. Ein Angreifer, der dieses System kompromittiert, kann diese Credentials extrahieren und für Pass-the-Hash-Angriffe oder Kerberoasting nutzen — und sich damit direkt auf die höhere Ebene bewegen.

Warum Tiering unverzichtbar ist

Ohne Tiering kann ein kompromittierter Arbeitsplatz zum vollständigen Kontrollverlust über die gesamte IT führen. Der typische Angriffsweg: Ein Nutzer öffnet eine Phishing-Mail auf seinem Arbeitsplatz (Tier 2), der Angreifer eskaliert lokale Rechte, findet gecachte Domain-Admin-Credentials und bewegt sich per Lateral Movement direkt zum Domain Controller (Tier 0). Dieser Angriffsweg funktioniert, weil in vielen Umgebungen Domain Admins ihre Konten für alltägliche Server-Wartung oder sogar Helpdesk-Aufgaben verwenden.

Das Tiering-Modell unterbricht diese Kette an der entscheidenden Stelle: Wenn Tier-0-Credentials niemals auf Tier-2-Systemen vorhanden sind, kann ein Angreifer sie dort auch nicht extrahieren.

Technische Durchsetzung

Die Trennung der Tiers wird nicht durch organisatorische Richtlinien allein erreicht, sondern muss technisch erzwungen werden. Gruppenrichtlinien (GPOs) sind das zentrale Werkzeug dafür.

Die wichtigsten technischen Maßnahmen umfassen die Konfiguration der GPO-Einstellung „Anmelden über Remotedesktopdienste verweigern" und „Lokal anmelden verweigern", um Tier-0-Konten die Anmeldung an Tier-2-Systemen zu unterbinden. Authentication Policies und Silos (ab Windows Server 2012 R2) schränken ein, wo bestimmte Konten authentifiziert werden dürfen. LAPS sichert lokale Administratorpasswörter auf allen Ebenen mit individuellen, automatisch rotierten Passwörtern ab. Dedizierte Privileged Access Workstations (PAWs) bieten gehärtete Arbeitsplätze, von denen aus Tier-0- und Tier-1-Systeme verwaltet werden — physisch getrennt von der normalen Arbeitsumgebung.

Schrittweise Implementierung

Die Einführung des Tiering-Modells erfolgt pragmatisch in Phasen, da eine gleichzeitige Umstellung aller Systeme in produktiven Umgebungen unrealistisch ist.

Im ersten Schritt werden alle Konten mit Tier-0-Berechtigungen identifiziert — das umfasst nicht nur offensichtliche Domain Admins, sondern auch Service Accounts mit DCSync-Rechten, Konten mit Schreibzugriff auf AdminSDHolder oder Mitglieder versteckter privilegierter Gruppen. In der Praxis finden wir regelmäßig Umgebungen, in denen deutlich mehr Konten Tier-0-Zugriff besitzen als den Administratoren bewusst ist.

Anschließend werden dedizierte Admin-Konten pro Tier erstellt (z. B. admin-t0-name, admin-t1-name), GPOs zur Anmeldebeschränkung konfiguriert und PAWs für die Tier-0-Verwaltung eingerichtet. Die Trennung von Tier 1 und Tier 2 folgt im nächsten Schritt, da sie mehr Systeme betrifft und entsprechend mehr Koordination erfordert.

Tiering und das Enterprise Access Model

Microsoft hat das klassische Drei-Tier-Modell im Rahmen des Enterprise Access Models weiterentwickelt. Dieses integriert Cloud-Identitäten (Entra ID) und ersetzt starre Tier-Grenzen durch ein flexibleres Modell mit Control Plane, Management Plane und Workload/User Access. Die Kernprinzipien — strikte Credential-Trennung, dedizierte Admin-Umgebungen und das Verbot von Credential-Fluss nach unten — bleiben identisch. Für Unternehmen mit reinen On-Premise- oder hybriden Umgebungen ist das klassische Drei-Tier-Modell nach wie vor der richtige Einstieg.

Relevanz für KMUs

Das Tiering-Modell ist keine Maßnahme nur für Großunternehmen. Auch ein mittelständisches Unternehmen mit einem einzelnen Domain Controller profitiert erheblich davon, Domain-Admin-Konten konsequent von der alltäglichen IT-Verwaltung zu trennen. Der häufigste Befund in der Praxis: Administratoren verwenden ein einziges Konto für alles — vom Helpdesk-Support auf Endgeräten bis zur Domain-Controller-Verwaltung. Schon die Einführung separater Admin-Konten pro Tier und die Einschränkung der Anmelderechte per GPO reduziert die Angriffsfläche erheblich, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen.

Weiterführend

Unser Implementierungsleitfaden zum Active Directory Tiering-Modell führt Sie Schritt für Schritt durch die vollständige Umsetzung — von der Bestandsaufnahme bis zur laufenden Überwachung.

Häufige Fragen

Was ist das Active Directory Tiering-Modell?+
Das Tiering-Modell ist eine Sicherheitsarchitektur für Active Directory, die die IT-Umgebung in drei strikt getrennte Verwaltungsebenen aufteilt: Tier 0 (Identitätssteuerung), Tier 1 (Server und Anwendungen) und Tier 2 (Endgeräte). Die Kernregel lautet, dass Credentials einer höheren Ebene niemals auf einer niedrigeren Ebene verwendet werden dürfen.
Wie viele Tiers gibt es im Tiering-Modell?+
Das klassische Modell besteht aus drei Tiers: Tier 0 umfasst Domain Controller und Identitätsinfrastruktur, Tier 1 Server und Anwendungen, Tier 2 Endgeräte und Nutzer. Microsoft hat dieses Modell im Enterprise Access Model um Cloud-Identitäten erweitert, die Grundprinzipien bleiben jedoch identisch.
Was gehört zu Tier 0?+
Zu Tier 0 gehören alle Systeme, die die Identitätssteuerung kontrollieren: Domain Controller, PKI-Zertifizierungsstellen, Azure AD Connect, ADFS und die zugehörigen Admin-Konten (Domain Admins, Enterprise Admins, Schema Admins). Auch Backup-Server, die DC-Backups enthalten, sind faktisch Tier-0-Systeme.
Brauchen kleine Unternehmen ein Tiering-Modell?+
Ja, auch KMUs profitieren erheblich davon. Bereits die Trennung von Domain-Admin-Konten und Alltags-Accounts sowie die Einschränkung der Anmelderechte per GPO reduziert die Angriffsfläche deutlich. In der Praxis verwenden Administratoren häufig ein einziges Konto für alle Aufgaben — das ist der häufigste Befund und ein kritisches Risiko.
Was ist der Unterschied zwischen Tiering und PAW?+
Das Tiering-Modell definiert die logische Trennung von Verwaltungsebenen und Benutzerkonten. Privileged Access Workstations (PAWs) sind die technische Umsetzung dieser Trennung auf Geräteebene: gehärtete Arbeitsplätze, von denen aus ausschließlich Tier-0- oder Tier-1-Systeme verwaltet werden. PAWs sind ein Bestandteil des Tiering-Modells, nicht ein Ersatz dafür.